Quelle: https://observer.co.uk/news/international/article/ursula-von-der-leyen-wolf-kill-story-german-cull
Im September 2022 griff ein Grauwolf in Niedersachsen im Nordwesten Deutschlands Dolly an und tötete sie – das 30 Jahre alte und offenbar liebste Pony Ursula von der Leyens.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission ist eine leidenschaftliche Reiterin. Ihre Kinder hatten auf Dolly reiten gelernt, und trotz des hohen Alters des Ponys wurde es weiterhin als geschätztes Haustier gehalten. Jedes Jahr verlieren Tausende Landwirte in ganz Europa Nutztiere durch Wölfe. Doch diesmal gehörte das getötete Tier einer prominenten Politikerin, die die Zukunft des Wolfes maßgeblich beeinflussen konnte. „Die Konzentration von Wolfsrudeln in einigen europäischen Regionen ist zu einer echten Gefahr für Nutztiere und möglicherweise auch für Menschen geworden“, erklärte von der Leyen im Jahr 2023. Im selben Jahr führte die Europäische Kommission eine „eingehende Analyse“ zum Wolf durch und veröffentlichte einen Bericht, der letztlich dazu führte, dass der Schutzstatus des Tieres in Europa im vergangenen Sommer herabgesetzt wurde. Eine Kette von Ereignissen, die auf einer Weide in Niedersachsen begann, mündete somit in Entscheidungen, durch die der Wolf heute stärker gefährdet ist als jemals zuvor seit einem halben Jahrhundert.
Nach umfassenden Recherchen zu den Umständen von Dollys Tod deutet nun jedoch einiges darauf hin, dass die Geschichte vom Ende des Ponys Ursula von der Leyens womöglich zu überzeugend war, um wahr zu sein.
Dolly wurde am Abend vor dem mutmaßlichen Angriff zuletzt um 22 Uhr lebend gesehen, etwa 100 Meter vom Haus der Familie von der Leyen entfernt, das sich im Weiler Beinhorn am Stadtrand von Hannover befindet. Am 1. September um 7 Uhr fand von der Leyens Ehemann Heiko den Körper des Ponys auf dessen Weide. Ein weiteres Pony, das sich ebenfalls auf der Weide befand, blieb unverletzt. Die noch am selben Tag durchgeführte Untersuchung durch die Landwirtschaftskammer und einen Tierarzt umfasste die Entnahme von DNA-Abstrichen und eine Dokumentation des Kadavers. In dem Bericht wurden „äußere, punktionsartige subkutane Verletzungen am Hals, am Bauch und am Hinterbein“ festgestellt. Noch am selben Abend wurde berichtet, Dolly sei von einem Wolf getötet worden. „Die ganze Familie ist durch die Nachricht furchtbar aufgewühlt“, erklärte von der Leyen gegenüber der deutschen Boulevardzeitung *Bild*. Der Artikel erschien mit der Unterzeile: „Den bösen Wolf gibt es nicht nur im Märchen!“ Bereits am 3. September wurde sogar in Pakistan über Dollys Tod durch einen Wolf berichtet. Am selben Tag erklärte ein Sprecher des niedersächsischen Umweltministeriums, das Bissmuster deute stark auf einen Wolfsangriff hin. Es sollte jedoch noch drei Monate dauern, bis die DNA-Analyse einem bestimmten Wolf zugeordnet wurde: dem als GW950m bezeichneten erwachsenen Rüden eines örtlichen Rudels. Nach Dollys Tod berichtete *Politico*, EU-Diplomaten in Brüssel hätten von der Leyens Fixierung auf die Wolfsfrage als „aufdringlich“ und „bizarr“ bezeichnet. Noch 2022 war der Europäische Rat zu dem Ergebnis gelangt, dass „auf Grundlage der gegenwärtigen Daten eine Herabsetzung des Schutzstatus sämtlicher Wolfspopulationen aus wissenschaftlicher und naturschutzfachlicher Sicht nicht gerechtfertigt ist“. Dennoch beauftragte die Europäische Kommission nun ein in Brüssel ansässiges Beratungsunternehmen mit einer Analyse des Status des Wolfes in Europa. Obwohl der Bericht weder einem Peer-Review-Verfahren unterzogen worden war noch eine Herabstufung des Wolfes empfohlen hatte, bildete er die Grundlage für den Vorschlag, den Schutzstatus des Wolfes im Rahmen der Berner Konvention und der FFH-Richtlinie herabzusetzen. Mehr als 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterzeichneten einen Brief, in dem sie dieses Vorgehen verurteilten. Die Large Carnivore Initiative for Europe bezeichnete es als „verfrüht und fehlerhaft“. Bis zum Sommer 2025 waren die Änderungen jedoch umgesetzt worden. Damit begann ein vollkommen neues Kapitel im Verhältnis Europas zum Wolf. Der Wolf erlebt gegenwärtig in ganz Europa eine bemerkenswerte Rückkehr. Durch jahrhundertelange Verfolgung war die Art in weiten Teilen des Kontinents nahezu ausgerottet worden. Seit den 1960er-Jahren ist die Zahl der Wölfe jedoch um 1.800 Prozent gestiegen. Heute leben mehr als 21.500 Wölfe in Europa, sodass die Art auf gesamteuropäischer Ebene als „nicht gefährdet“ eingestuft wird. Diese positive Entwicklung ist – ebenso wie bei Bär und Luchs – zu einem erheblichen Teil auf Schutzregelungen zurückzuführen, die von der Europäischen Union beschlossen und durchgesetzt wurden. Insbesondere die Berner Konvention und die FFH-Richtlinie ermöglichten es, europaweit koordinierte Schutzmaßnahmen zu verfolgen. Das erste sesshafte Wolfsrudel in Deutschland wurde im Jahr 2000 in Sachsen dokumentiert. Bis 2024 war die Zahl der Rudel im gesamten Bundesgebiet auf mehr als 200 gestiegen. Dieser Erfolg des Naturschutzes wurde jedoch von vielen landwirtschaftlich geprägten Gemeinschaften nicht begrüßt. Diese haben bereits mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, die vom Klimawandel bis zur Inflation reichen, und sollen nun zusätzlich die Rückkehr großer Beutegreifer akzeptieren.
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 4.300 Nutztiere durch Wölfe getötet oder verletzt; 91,1 Prozent davon waren Schafe oder Ziegen. Weitaus mehr Nutztiere sterben an natürlichen Ursachen. Dennoch kann die psychische Belastung, die Wolfsangriffe verursachen, erheblich sein. Einzelne Tierhalter sind zudem überproportional betroffen und verlieren mitunter Dutzende Tiere in einer einzigen Nacht. Landwirtschaftliche Interessenverbände fordern seit Langem ein letales Wolfsmanagement. Bis vor Kurzem waren Wölfe aufgrund ihres Status als „streng geschützte“ Art jedoch nahezu unantastbar. Angesichts der angespannten Situation ist es nach Auffassung von Fachleuten unverzichtbar, die Zahl der von Wölfen und anderen Beutegreifern getöteten Nutztiere korrekt zu dokumentieren. Untersuchungen von Suzanne Asha Stone, Geschäftsführerin des International Wildlife Coexistence Network, die dem *Observer* vorliegen, zeigen jedoch, dass in Deutschland an mutmaßlichen Rissorten nicht durchgängig nach den wissenschaftlich gebotenen Standards gearbeitet wird. Daher könnten zahlreiche Todesfälle, die Wölfen zugeschrieben wurden, falsch eingeordnet worden sein. Nach Ansicht Stones gehört dazu auch der Fall Dolly. „Fast alles, was eine Gutachterin oder ein Gutachter vor Ort sieht – Bissspuren, aufgerissene Haut, fehlende Organe, Blut und sogar bestätigte Wolfs-DNA –, sieht gleich aus, unabhängig davon, ob ein Wolf das Tier getötet oder lediglich von einem bereits verendeten Tier gefressen hat“, erklärt Stone. „Erst die pathologische Untersuchung kann diese beiden Szenarien voneinander unterscheiden.“ Das Vorhandensein der DNA von GW950m auf Dollys Kadaver kann nicht belegen, dass dieser Wolf sie getötet hat. Es beweist lediglich, dass der Wolf mit dem Kadaver in Kontakt gekommen ist. Wölfe jagen nicht nur, sondern fressen auch Aas und sollen dabei eine besondere Vorliebe für Pferdefleisch haben. Die verlässlichste Methode, um festzustellen, ob ein Tier von einem Beutegreifer getötet wurde, ist eine pathologische Sektion. Unterhautblutungen im Bereich einer Bissverletzung zeigen, dass das Tier zum Zeitpunkt des Angriffs noch lebte, da das Blut während des Sterbevorgangs weiterhin durch den Körper gepumpt wird. Bei einem Tier, das erst nach seinem Tod angefressen wurde, treten solche Blutungen nicht auf. Im Fall Dolly gibt es keine Hinweise darauf, dass eine solche Sektion durchgeführt wurde. „Untersuchungen mutmaßlicher Nutztierrisse sollten wie die Untersuchung eines Tatorts behandelt werden – genauso, wie Ermittler bei einem Tötungsdelikt an einem Menschen vorgehen würden“, erklärt Carter Niemeyer, ein pensionierter Biologe und ehemaliger Koordinator des US Fish and Wildlife Service für die Wiederansiedlung des Wolfes. Niemeyer verfügt über mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung bei der Untersuchung mutmaßlicher Wolfsrisse in Nordamerika. „Wenn belastbare forensische Befunde und Ergebnisse einer Sektion fehlen, ist es sehr leicht, vorschnelle Schlussfolgerungen zu ziehen.“ Bei seiner forensischen Auswertung der Fotografien aus Dollys Fall, die Stone im Rahmen eines Umweltinformationsantrags erhalten hatte, stellte Niemeyer fest, dass bei der Untersuchung wesentliche Merkmale nicht erfasst worden waren, die normalerweise erforderlich sind, um die Tötung durch einen Beutegreifer nachzuweisen. Insbesondere habe es weder eine innere Untersuchung noch eine Dokumentation von Blutungen gegeben. Auch Schleifspuren oder sonstige Störungen am Fundort seien nicht dokumentiert worden. „Es wäre ein gewaltiger Schluss, einfach davon auszugehen, dass der Wolf die Todesursache war, zumal ein solcher Vorfall ohnehin äußerst selten ist“, erklärt Niemeyer. „In fast vier Jahrzehnten der Untersuchung solcher Fälle habe ich noch nie einen bestätigten Wolfsangriff auf Pferde gesehen.“ Die Fotografien wurden außerdem von zwei unabhängigen Pferdetierärzten aus den USA untersucht, Olin K. Balch und Karen Bruhn Balch. Sie bestätigten Niemeyers Einwände und wiesen darauf hin, dass die auf den Fotografien erkennbaren Verletzungen im Verhältnis zu dem zu erwartenden Verletzungsbild bei der Tötung eines Tieres dieser Größe gering seien. Zum Zeitpunkt ihres Todes war Dolly 30 Jahre alt und hatte damit den oberen Bereich der gewöhnlichen Lebenserwartung eines Ponys erreicht. In diesem Alter besteht typischerweise ein erhöhtes Risiko eines plötzlichen Todes, etwa infolge einer Kolik oder anderer Erkrankungen. Nach Auffassung der Pferdetierärzte könnte dies Dollys plötzlichen Tod während der Nacht erklären. Diese Annahme stehe auch im Einklang mit den in der Nähe des Körpers festgestellten Durchfallspuren. „Das gegenwärtige standardisierte Monitoringverfahren nach Nutztierrissen in Niedersachsen ist geeignet, die Ursache der Angriffe festzustellen“, erklärte das niedersächsische Umweltministerium. Für keinen der 2.259 zwischen 2008 und März 2026 in Niedersachsen Wölfen zugeschriebenen Nutztierrisse liegen jedoch jene inneren pathologischen Befunde vor, die Stone zufolge erforderlich wären, um zuverlässig festzustellen, ob der Wolf das betreffende Tier tatsächlich getötet oder erst nach dessen Tod vom Kadaver gefressen hat.„Ich würde einem Datensatz, dem forensische Befunde einschließlich einer Sektion fehlen, nicht viel Vertrauen entgegenbringen“, erklärt Niemeyer. „Die Daten erscheinen mir im Wesentlichen nahezu wertlos.“ Fehlerhafte Statistiken können Auswirkungen haben, die weit über den Tod einzelner Tiere hinausreichen. „Jede öffentlichkeitswirksame Geschichte nach dem Muster‚ Wolf tötete Pony‘ verstärkt das Vorstellungsbild des Wolfes als eines Tieres, das geliebte Tiere ohne Not und ohne Anlass tötet“, erklärt Stone. „Die emotionale Architektur der öffentlichen Debatte beruht zum Teil auf falsch zugeordneten Todesfällen, die niemals überprüft wurden.“ Während sich die Wolfsbestände aus gesamteuropäischer Sicht positiv entwickeln, befinden sich die Populationen in allen bis auf eine biogeografische Region Europas weiterhin in einem „ungünstigen oder unzureichenden Erhaltungszustand“. Menschliche Verfolgung ist auf der gesamten Nordhalbkugel bereits die häufigste Todesursache bei Wölfen.
Die Herabsetzung des Schutzstatus könnte jene zusätzlich ermutigt haben, die den Wolf vollständig beseitigen wollen. Im April wurden in den Abruzzen im Süden Italiens mindestens 21 tote Wölfe gefunden. In sämtlichen Fällen bestand der Verdacht einer Vergiftung. Einen Monat zuvor hatte der Deutsche Bundestag dafür gestimmt, den Wolf als „jagdbare“ Tierart einzustufen. Dadurch darf er künftig zwischen dem 1. Juli und dem 31. Oktober bejagt werden – zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrhundert sollen damit in Deutschland wieder Wölfe im Rahmen einer regulären Bejagung getötet werden. Auch andere Staaten, darunter Frankreich, die Slowakei und Schweden, verfolgen eigene Programme zur Tötung von Wölfen. Unterdessen sind vor dem Gericht der Europäischen Union mehrere Verfahren anhängig. Zwei dieser Klagen wurden von einem Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen unter Führung von Green Impact eingereicht. Sie richten sich gegen die Herabsetzung des Schutzstatus und zielen darauf ab, den früheren strengen Schutz des Wolfes wiederherzustellen. Bis auf Weiteres sollen die vorgesehenen Tötungen jedoch fortgesetzt werden. „Dollys Tod steht nahezu am Ausgangspunkt einer europaweiten Rücknahme des Schutzes einer gesamten Tierart“, erklärt Stone. „Vor diesem Hintergrund ist die fehlende pathologische Untersuchung nicht länger nur ein Detail mangelhafter Dokumentation. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob der Beweisstandard, der bei einem einzelnen Pony auf einer Weide in Niedersachsen angewandt wurde, jemals der Tragweite angemessen war, die die europäische Politik diesem Fall seither beigemessen hat.“
Fotografien: Ursula von der Leyen/Instagram; Jorge Guerrero/AFP/Getty Images